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Bauforscher untersucht Kirchendach

Alte Balken von 1502 entdeckt

Der Dachstuhl eines Hauses, insbesondere aber wenn er 500 Jahre oder älter ist, erzählt seine ganz eigene Geschichte. Für den Laien vielleicht nicht auf den ersten Blick verständlich, für den Bauhistoriker dafür umso mehr und einleuchtender. Seit einigen Monaten bereits ist die Kirche inmitten der Altstadt von Wiedenbrück eingerüstet. Das Kirchendach der St.-Aegidius-Kirche wird saniert, weil, wie es Pfarrdechant Reinhard Edeler mal so nett ausdrückte, einen Dachschaden hat. Im Zuge der Renovierungsarbeiten schaute sich den Dachstuhl nun der Bauforscher Peter Barthold von der LWL- Denkmalpflege, Landschafts-und Baukultur in Westfalen genauer an und entdeckte dabei völlig neue Thesen, die in keiner Aufzeichnung bislang auftauchten. Die Geschichte W. Leskovsek der Pfarrkirche ist lang. Sie bildet seit über 1000 Jahren ein religiöses Zentrum des oberen Emslandes. Ihr angegliedert ist die Marienkirche der Franziskanerbrüder. Bei der großen Renovierung im Jahr 1970 wurden bei Grabungsarbeiten mehrere Vorgängerbauten der heutigen Kirche nachgewiesen. Im 9. Jahrhundert stand an der Stelle eine dreischiffige Basilika mit einem Querhaus. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde dieser Bau ersetzt. Im 13. Jahrhundert gab es wiederum zwei Bauphasen. 1502 wurde über die alte Kirche ein neues Langhaus als dreischiffige Halle gebaut, auf dem Fundament des alten Kirchengebäudes. Barthold hat sich die alten Balken des insgesamt 1200 Quadratmeter großen Dachfläche genauer angesehen und insbesondere alte Nagellöcher genauer untersucht. Dabei stellte er fest, dass das älteste Holz des Dachstuhls aus dem Jahre 1502 stammt und 1504 verarbeitet wurde. Das konnte der Bauforscher anhand der Jahresringe und des Splintes feststellen. Gerade bei den alten Hölzern wurde der Splint nicht abgebeilt. Bislang wusste niemand wann der Bau wirklich fertiggestellt wurde. Sechs Quergiebeldächer entstanden unter Verwendung von teilweise noch älteren Hölzern aus dem Vorgängerbau. Barthold stellte auch fest, dass einige Teile des alten Sprossengebildes weggelassen wurden. Auch dafür hat er eine Erklärung: Das Gewölbe war später im Weg und so wurde das Sprossengebilde zwangsläufig umgebaut. 1535 wurde nochmals kräftig ausgebessert. Ob es Wasser- oder Feuerschaden oder gar ein Blitzeinschlag war, ist nirgends dokumentiert. Es muss auf jeden Fall ein größerer Schaden gewesen sein. Selten würde er das so deutlich an einem historischen Gebäude erkennen können wie in der Pfarrkirche. Am „krummen Hund“, einem nachträglich eingesetzten Balken, erkennt das selbst der Laie, wenn er genau hinschaut. Das Querhaus ist heute der älteste Teil der Kirche, der Chorraum ist der jüngere Teil, weil d W. Leskovsek ort Nadelholz und Eisen verbaut wurden. Das muss um 1870 gewesen sein.

Der leitende Architekt Stefan Terbrack aus Bielefeld war zusammen mit einem Team vom Kirchenvorstand, der Denkmalbehörde der Stadt und Dr. Barbara Pankoke von der Denkmalpflege LWL im Dachstuhl vor Ort und lauschte den Ausführungen des Bauforschers. Seine neu gewonnenen Erkenntnisse werden dokumentiert und kommen ins Archiv der St.- Aegidius- Kirche. „Bauforscher arbeiten immer mit den Materialien ihrer Vorgänger. Oftmals findet man neue Dinge heraus, so wie ich jetzt, die dem Material dann hinzugefügt werden. Erst so entsteht nach und nach eine historische Geschichte“, erklärt Barthold.

Mit dem bisherigen Verlauf der Dachsanierung zeigte sich Terbrack sehr zufrieden: Wir liegen im Zeit -und Finanzierungsplan und hoffen, dass es beim angestrebten Fertigstellungsterm Ende des Jahres bleibt“.

Bild: Bauforscher Peter Barthold, Architekt Stefan Terbrack, Michaela Köller vom Kirchenvorstand, Dr. Barbara Pankoke, Barbara Löckener, Heinz Bremehr vom KV sowie Klaus Landwehr von der Stadt hoch oben in der provisorisch aufgebauten Kirchwerkstatt.